Unser Blog
Endless Winter Store in Zwickau

Langes Brett für die Hundstage: Das Comeback des Longboards

Westsachsen bewegt sich – Heute: Christian Gesellmann fährt Longboard

Zwickau. Aufgefallen sind mir Longboards zum ersten Mal in Bukarest: Auf dem Boulevard Magheru, einem siebenspurigen Asphaltband, dass sich über zwei Kilometer schnurgerade durch die Metropole zieht. Tagsüber ein reißender Strom aus gelben Dacia-Taxis, verwandelt sich der Boulevard nachts zu einer Art postkommunistischem Sunset Strip, auf dem flankiert von Universitätsgebäuden, Kasinos, Hotels und Fastfoodrestaurants Jugendliche Motorradrennen fahren. Dort rollte vergangenen Sommer auch eine Gruppe Longboarder an mir vorbei. Mit scheinbar mühelosen, weit ausholenden Pendelbewegungen des rechten Beins holten sie etwa alle 30 Meter Schwung und verschwanden so bald wieder aus dem Blickfeld des Fußgängers, der sie um den Fahrtwind beneidete. Wenige Tage später sah ich sie wieder. Während einer rund drei Monate andauernden Demonstrationswelle hatte sich auch ein Fahrrad- und ein Longboardkorso etabliert, der an Sonntagen vor dem Parlamentsgebäude seine Kreise drehte.

Langes Brett – kurze Geschichte

Erfunden wurde das Longboarden der Legende nach in den 1960er-Jahren in Santa Monica, an der Küste Kaliforniens. Schuld war eine Phase extrem heißen aber windstillen Wetters. Weil der Wellengang während dieser sogenannten Hundstage zu schlecht war, schraubten sich die Surfer Achsen und Rollen an ihre Surfbretter und segelten damit über die Straße – die ersten Longboards waren geboren. Eine Hitzewelle später entwickelten sich daraus übrigens die kleineren Skateboards und verfestigten das punkige Image der Brettsportler: Wegen der anhaltenden Dürre mussten die wohlhabenderen Bürger Santa Monicas das Wasser aus ihren Swimmingpools lassen. Diese wurden von den Longboardern in Beschlag genommen – die damit in aller Rüpelhaftigkeit die Vorfahren der Halfpipes erfanden, für die kürzere und wendigere Bretter besser geeignet sind. Geht es bei Skateboards hauptsächlich um Tricks und Sprünge, sind die Longboards vor allem zum Cruisen da, dazu, über den Asphalt zu surfen. Sie haben deshalb auch größere und weichere Räder, die schneller rollen und Straßenunebenheiten besser ausgleichen.

In den letzten Jahren haben die meist zwischen 90 und 150 Zentimeter langen Bretter in den USA und Kanada ein Comeback erlebt und werden auch in Europa immer beliebter, wo sie vor allem in Großstädten als Alternative zum Fahrrad Anerkennung finden. In Deutschland gibt es seit Januar 2013 einen Verband, der eine nationale Meisterschaftsserie im Downhill-Fahren veranstaltet. Dabei werden Geschwindigkeiten bis zu 100 Kilometer pro Stunde erreicht. Meisterschaften in weiteren Disziplinen wie Slalom oder Dance sind geplant. Des Weiteren bemüht sich der Deutsche Longboard Verband darum, eine Regelung zur Nutzung von Longboards im öffentlichen Straßenbereich zu finden. In Deutschland gelten die Bretter als Sportgeräte, Stadt-Surfer dürfen nur auf Gehwegen fahren.

Wenn sie einen Passanten überholen wollen, so steht es im Gesetz, müssen sie vom Brett absteigen. Der Verband bemängelt, dass das an der Praxis vorbei ist, denn die Longboards sind zu schnell für den Fußweg.

Sie sind wie geschaffen für Boulevards oder Rad- und Wanderwege wie die Strecke entlang der Mulde oder im Werdauer Wald, wo man kilometerlang flache Hügel runtersurfen kann.

Sixpack im Fahrtwind

Tragischweise war ausgerechnet das Ende des Street Jungles in der Zwickauer Hauptstraße – rund 15 Jahre lang die Institution in Sachen Streetwear und Brettsport in Westsachsen – Anfang dieses Jahres der Anlass für mich, meinen in Bukarest gefassten Entschluss in die Tat umzusetzen: Im Ausverkauf strahlte mich ein handliches Longboard von Globe an, das mit klassischer Pintailform (vor spitz, hinten breit) und unaufgeregter Holzoptik gefiel.

Sicher fahren ist relativ schnell gelernt, es ist aber ratsam, sich vorher wenigstens ein paar Tutorials bei Youtube anzuschauen, damit man sich nicht falsche Bewegungsabläufe angewöhnt. Gerade wenn man längere Strecken fährt, kann das beim Pushen, dem Anschieben, zu einer Fehlstellung führen, die die Oberkörpermuskulatur einseitig belastet. Die Folge können Krämpfe in der Fuß- und Bauchmuskulatur sein. Ansonsten sind die Bewegungsabläufe ganz ähnlich denen vom Snowboarden oder Surfen. Und ein bequemeres Training für die Bauch- und Rückenmuskeln, während einem der Fahrtwind durch die Haare fährt, bekommt man wohl nirgendwo sonst.

Gelenkt wird das Longboard durch Gewichtsverlagerung des Fahrers in die Kurveninnenseite. Das Kippen des Brettes bewirkt ein Eindrehen der Achsen, so dass diese parallel zum Kurvenradius stehen. Gestürzt bin ich bisher nur einmal und das auch noch ausgerechnet auf dem immer gut genutzten Muldenradweg. In einer Tasche kramend verlor ich das Gleichgewicht und landete vor den Füßen von zwei Mädchen, die auf dem Asphalt sitzend ihre Inlineskates sortierten. “Keine Angst, du bist nicht der Einzige”, sagte eine von ihnen.

Preise und Strecken

Im Landkreis Zwickau gibt es nur noch ein Geschäft, in dem man sich zum Thema Longboards beraten lassen kann: “Endless Winter” in der Bahnhofsstraße 43 in Zwickau öffnet montags bis freitags von 17 bis 20 Uhr. Die Preise gehen bei rund 120 Euro los. Es gibt Varianten für Downhill, Slalom oder Stadt. In Chemnitz gibt es Longboards unter anderem bei “Titus” und “Biker & Boarder”.

Folgende Strecken empfiehlt “Endless Winter”-Chef Carsten Jakob: einen acht Kilometer langen abschüssigen Radweg entlang einer ehemaligen Bahnstrecke zwischen der Talsperre Eibenstock und Aue sowie die Rundstrecke um den Cospudener See in Leipzig oder entlang der Elbe in Dresden. Im Landkreis bieten sich der Mulderadweg an sowie asphaltierte Strecken im Werdauer Wald. (cge)

erschienen am 30.06.2014
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG

 
« zurück

Love the ride.